Familienmedizin aktuell - 2. Ausgabe 2018

Umgang mit depressiven Mitmenschen  –  Wie können Außenstehende zu Hause oder auch bei der Arbeit helfen???

Letzte Woche war Udo nach längerer Zeit mal wieder im großen E-Center um die Ecke zum Einkaufen. Das Center ist für ihn fußläufig gut erreichbar, besonders gern kauft er an der Käsetheke seinen Lieblingskäse bei Corinna. Er muss jedoch feststellen, dass sie heute, so wie auch bei seinen letzten Besuchen, nicht hinterm Ladentresen steht. Er fragt nach seiner Bestellung einfach mal nach, ob Corinna heute Frühdienst hat, oder sie mittlerweile in einer anderen Abteilung arbeitet. Sie war ja erst vor gut eineinhalb Jahren aus der Gemüseabteilung zum Käsestand gewechselt. „Nein“, sagt die freundliche „neue“ Kollegin zu ihm, „Corinna ist doch schon seit Monaten erkrankt und hat dann aus der Erkrankung heraus gekündigt- es hat keiner mehr Kontakt zu ihr- Depressionen!“

Das macht Udo nachdenklich! Immer wieder hört er von Mitmenschen, die in den letzten Jahren depressiv geworden sind. Dabei fällt ihm ein, dass Corinna auch schon bei seinen letzten Besuchen nicht mehr so fröhlich und zugewandt war wie sonst. Er erinnert sich an eine Situation, wo sie sich mit einem Kunden gestritten hat, so laut, dass man es draußen auf dem Parkplatz noch hätte hören können. Sie  wollte ihm nicht wie gewohnt die Hälfte des „Nachtwächertkäse“ einpacken, obwohl noch reichlich davon in der Auslage verfügbar war- Anordnung vom Chef: „Das dürfen wir nicht mehr- nur noch ganze Stücke“. Das hat Udo damals bereits nicht richtig verstanden, konnte er doch die Woche zuvor bei der Kollegin ein halbes Stück problemlos bekommen?! Wie kleinlich und dünnhäutig- so war sie doch früher nicht?!?

Sonst hat sie immer viel mehr von sich und ihrer Familie erzählt, ihm auch mal Photos von ihren Lieben gezeigt. Im Frühjahr war noch die Tochter zum Schulpraktikum mit im Center gewesen, da schien noch alles in bester Ordnung zu sein. Udo kennt Corinnas Mann ebenfalls schon seit einigen Jahren. Bei ihm lässt die ganze Familie schon seit Generationen die landwirtschaftlichen Geräte warten. Auch hier war in den letzten Monaten und Jahren immer alles in Ordnung. Beim letzten Oldtimertreffen hätten sie noch gemeinsam ein Bierchen geleert- alles tiptop - so wie immer- ein freundlich, netter Typ dachte Udo damals noch und freute sich, dass Corinna einen so netten Ehemann hat.

Auf dem Weg zur Kasse trifft Udo den Chef des Centers und kommt auch mit ihm ins Gespräch. Er fragt direkt nach Corinna, da ihn die Geschichte nicht los lässt. Der Chef war mit ihr immer zufrieden und schwärmt immer noch von ihrer zuverlässigen und aufgeschlossenen Art. „Wir haben ihre Depressionen lange Zeit nicht bemerkt. „Bei unserem letzten Systemwechsel fiel sie uns erstmals auf. Sie war so teilnahmslos und saß in der Schulung wie ein „Trauerkloß“ zwischen uns. Ich wurde damals von sehr vielen angesprochen, was mit ihr denn los sei. Dann kam nach ihrem Urlaub gleich die Krankschreibung und bereits einige Wochen später die Kündigung, obwohl sie bei der Arbeit und mit uns hier keine wesentlichen Konflikte hatte. Sie war ja erst vor 2 Jahren zu uns gekommen, war davor in der Gemüseabteilung, da war sie allerdings auch nicht lange beschäftigt“.

Depressionen sind häufig von außen für uns unsichtbar und haben multiple Ursachen.

„Anders als bei einem gebrochenen Arm beispielsweise kann man eine Depression meist nicht auf eine einzige Ursache oder einen einzigen Auslöser zurückführen. Vielmehr entwickelt sie sich aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Einflüsse (Faktoren). Es gibt einerseits Faktoren, die zu einer Veranlagung, d.h. einem erhöhten Risiko depressiv zu erkranken, führen. Weiterhin gibt es aktuelle Auslöser, die bei Menschen mit dieser Veranlagung das Auftreten einer Depression bewirken können. Oft wird von Betroffenen die Frage gestellt, ob Depression eine körperliche oder „seelische“ Erkrankung ist. Wie bei einer Medaille kann man bei jedem depressiv Erkrankten zwei Seiten betrachten: die psychosoziale Seite und die neurobiologische Seite“ (Zitat:  Homepage Deutsche Depressions Hilfe)  


Abb.: Homepage „Deutsche Depressions Hilfe“
Abb.: Homepage „Deutsche Depressions Hilfe“

Hilfe & Therapie für Depressive

Es ist die Kombination aus der Behandlung mit Medikamenten und Psychotherapie. Hinzu kommen andere therapeutische Angebote, die zur Verbesserung der Symptomatik, der Alltagsbewältigung und der Lebensqualität beitragen können.

Was Unternehmen tun können

Um depressiven Erkrankungen ihrer Mitarbeiter vorzubeugen, sollten Unternehmen eine offene, teamorientierte Unternehmenskultur schaffen. Dazu gehört nicht nur, dass Führungskräfte und Personalverantwortliche über Depressionen informieren und über präventive Maßnahmen aufklären, sondern auch in ihrem Verhalten vorleben, was im Unternehmen wichtig ist. Sie sollten als vertrauenswürdige Ansprechpartner für Mitarbeiter zur Verfügung stehen.

Das Motto hierbei sollte sein: „Hinschauen statt Wegsehen und Ansprechen statt Schweigen.“

Zu den präventiven Maßnahmen gehören beispielsweise soziale und körperliche Aktivitäten, ausreichende Möglichkeiten zur Ruhe und Entspannung sowie stabile Tagesstrukturen und ausreichend Schlaf. Weil Depressionen häufig eine Reaktion auf eine starke Überforderung darstellen, ist es im Sinne der Prävention wichtig, dass sich betroffene Mitarbeiter eigene Stärken und Schwächen vor Augen führen können. Häufige Wechsel der Arbeitgeber sollten die Personalabteilungen hellhörig machen. Ein Arbeitsplatzwechsel löst das Problem nicht substantiell, die Zyklen der gescheiterten Arbeitsverhältnisse werden kleiner- bis zum völligen Zusammenbruch. Deshalb sollte rechtzeitig gehandelt werden. Auch sollten Mitarbeiter bereits im Vorstellungsgespräch offen mit etwaigen Problemen im vorherigen Arbeitsverhältnis umgehen. Die Frustration eines erneut gescheiterten Arbeitsverhältnisses wiegt höher, als eine etwas längere Genesungszeit, die anschließend im Lebenslauf plausibel erläutert werden kann. Menschen, die auf ihre Stärken stolz sind und ihre Schwächen kennen und akzeptieren, sind besser vor Depressionen geschützt, als Menschen, die dazu neigen, zu streng mit sich selbst ins Gericht zu gehen. Dazu gehört natürlich eine Unternehmenskultur, die auch Schwächen ihrer Mitarbeiter zulassen kann. Wichtiger ist allerdings, die Stärken zu fördern.

Depressions Selbsttest

Es wurden mittlerweile eine Reihe von Selbstevaluationstesten veröffentlicht. Auf der Website der Deutschen Depressionshilfe können Sie einen solchen Test mit 9 Fragen durchführen. Bitte denken Sie daran, dass mit diesem Test keine Diagnose gestellt werden kann. Hierfür ist ein Gespräch mit einem Arzt oder Psychologen notwendig. Der Test kann lediglich Hinweise auf das Vorliegen depressiver Symptome geben. Wenn dies der Fall ist, kann Ihr Hausarzt oder ein Facharzt untersuchen, ob Sie an einer Depression erkrankt sind.

Wir helfen Ihnen gern weiter!!!

Info-Telefon Depression
0800 / 33 44 533

Mo, Di, Do: 13:00 – 17:00 Uhr
Mi, Fr: 08:30 – 12:30 Uhr